Buchrezension: Wie Bilder wirken - von George Barr

Gastrezension von Harald Kräuter *


Für mich als ambitioniertem Fotografen, Teilnehmer an Fotowettbewerben und Aussteller eigener Bilder ist es immer wieder faszinierend, aber auch gelegentlich irritierend, zur Kenntnis zu nehmen, wie andere Betrachter Bilder sehen, wahrnehmen und diese interpretieren. Gelegentliches Unverständnis mit der Entscheidung von Wettbewerbsjuroren (nicht nur in eigener Sache), haben in mir den Wunsch geweckt, der Wirkung von Bildern ein wenig auf den Grund zu gehen und so bin ich unter Anderen auch auf das Buch von George Barr gestoßen.



Die interessante Aufmachung des Buches im quadratischen Format mit einem Titel in Spiegelschrift suggerieren dem Betrachter den Blick durch den Lichtschachtsucher einer analogen Mittelformatkamera. Für mich war das ein interessanter „Eye catcher“, aber die zurückhaltende Reaktion jüngerer Fotoenthusiasten und meine diesbezügliche Rückfrage nach dem „Warum“ machten mir dann sehr schnell klar, dass ich, Jahrgang 1953, nunmehr der „älteren Fotografengeneration“ angehöre: die „jungen Fotografen“ haben noch nie durch einen Lichtschachtsucher einer analogen Mittelformatkamera geschaut.
Bei der ersten Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses und der damit verbundenen Suche nach Fotos und Fotografen, „die man kennt“, bin ich nur auf Harald Mante und Pete Turner gestoßen, die anderen Fotografen waren mir unbekannt. Das ist allerdings auch nicht ungewöhnlich, wenn man sich die kleine Mühe macht, über den Autor George Barr, seine Intention für sein Buch, sein Alter und seine Herkunft nachzulesen: „Ein Weißer mittleren Alters in Kanada.“ Er erklärt selbst seine subjektive Auswahl der Fotografen und ihrer Bilder, die er für das Buch ausgewählt hat. Ich für meinen Teil habe es nicht als Nachteil empfunden, nicht zum tausendsten Mal eine Abhandlung über Ikonen der Fotografie und über Fotografen, „die man kennt, oder kennen muss“ zu lesen, sondern Bilder und Fotografen kennenzulernen, die mir bislang nicht bekannt waren. Das Anliegen ist ja nun auch herauszufinden, „wie Bilder wirken“.

Um an dieser Stelle ein wenig von meinem persönlichen Resümee vorwegzunehmen: Der Buchtitel könnte auch ohne weiteres und ohne dass dies nachteilig wäre lauten: „Wie Bilder auf mich (George Barr) wirken“.

Den formalen Aufbau des Buches, das übrigens meines Erachtens zu Recht mit dem „Deutschen Fotobuchpreis in Silber 2012“ ausgezeichnet wurde, empfinde ich als angenehm. Kein Buch, das man von Anfang bis Ende in der vom Autor vorgesehenen Reihenfolge lesen muss, sondern man kann stöbern, der seiner Inspiration folgen und sich seine eigenen Gedanken zu den sehr schön präsentierten Bildern machen. Ich habe mich mehr als einmal dabei ertappt, dass meine persönliche Wahrnehmung eines Bildes nicht mit der des Autors, oder gar des Fotografen  übereinstimmte, die man Dank des Aufbaus des Buches differenziert erfahren kann,.......und das ist gut so! Das einzig objektive sind die ebenfalls mehr oder weniger vollständigen Angaben zur Ausrüstung und Technik, aber mir ist schon lange bewusst, dass die Technik am wenigsten geeignet ist, die Wirkung von Bildern zu erklären.

Hat das Buch die Frage beantwortet, wie Bilder wirken?  Objektiv gesehen wahrscheinlich Nein, und es wird niemals ein Buch geben, das diese Frage für Jeden hinreichend beantworten kann. Für mich sind die Erläuterungen interessant und mehr als hilfreich gewesen und bereits die Anregung, sich mit den Bildbeispielen qualifiziert zu beschäftigen, bringen die Erreichung einer persönlichen Antwort ein wenig näher.

Lohnt sich die Lektüre dieses Buches? Ja, ohne jede Einschränkung, denn es bietet hochwertige Bilder, erläutert die Intention des Fotografen und die Wahrnehmung des Autors und regt gegebenenfalls zu persönlichem Widerspruch an.

Mehr Informationen erhalten Sie direkt beim dpunkt.verlag

George Barr
Wie Bilder wirken
Broschiert: 228 Seiten
Verlag: Dpunkt Verlag; Auflage: 1 (19. September 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3898647455
ISBN-13: 978-3898647458
Größe und/oder Gewicht: 25,8 x 25,8 x 1,8 cm
Preis:  EUR 39,90 (D), EUR 41,10 (A)

 
*Dies ist ein Artikel von Harald Kräuter: Harald Kräuter, Jahrgang 1953, verheiratet, drei Söhne. Er lebt und arbeitet als Freiberufler in Vaterstetten bei München, Darmstadt und Wittmund/Ostfriesland. Er arbeitet im Bereich Produktfotografie, Dokumentation für Rechtsanwälte/Insolvenzverwaltung. Freie Arbeiten von Harald Kräuter sind u. a in Web-Galerien (Whitewall, Lebedeinekunst/harryherbs) zu sehen. Letzte Ausstellung im Rheingau-Palais Wiesbaden vom 23.9. – 10.12.2011.

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