Udo Hartmann – Nicht nur „Pola(d)roid“

Die Kreativität kommt bei ihm aus jeder Poren: Udo Hartmann fotografiert, malt und arbeitet mit Holz und Stein. Er ist in fast allen Sujets der Fotografie beheimatet, lässt sich nicht festlegen, ist neugierig und experimentierfreudig.  In den letzten zwei Jahren hat er sich, neben anderen Projekten, intensiv seinem Pola(d)roid-Projekt gewidmet. Eine Ausstellung zu diesem Projekt hat gerade die Pforten geschlossen.
Fotodialoge: Was bedeutet die Fotografie für Dich?
Udo Hartmann: Fotografie ist für mich eine Ausdrucksform und ein Kommunikationsmedium. Es geht mir um den Transfer von Informationen und Emotionen. Immer wieder spannend sind die unterschiedlichen Reaktionen, die ich mit meinen Fotos auslöse. Es ist faszinierend zu erfahren, was andere Menschen beim Betrachten über meine Fotografien denken und was sie fühlen.
Fotodialoge: Welche Fotografen und welche Stilrichtungen haben Deine Arbeiten geprägt?
Udo Hartmann: Bei der Nennung von Namen bin ich vorsichtig, da dies schnell zu einem Schubladendenken führt. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass ich die Schwarz-Weiß- Straßenfotografie aus Paris in mein Herz geschlossen habe. Diese Art der Fotografie zeigt Menschen mitten im Leben, ohne die Personen  bloß zu stellen. Generell wecken Bilder mein Interesse, die mich auf der emotionalen Ebene ansprechen. Mit diesen Fotografien kann ich mich auseinandersetzen, unabhängig, ob sie positive oder negative Gefühle bewirken.
Fotodialoge:  Du bist ein sehr guter Portraitfotograf, was reizt Dich an der Peoplefotografie?
Udo Hartmann: Mich fasziniert der Mensch in seiner Individualität und - auf der anderen Seite des Spektrums - das Rollenspiel der Menschen. Für mich elementar ist das Eingehen auf den Portraitierten, den Mensch vor der Kamera. Ich respektiere die Person als Individuum; wir begegnen uns auf Augenhöhe.  Dieser Vorgang ist wie ein gutes Gespräch, der einzige Unterschied ist das Medium mit dem man den Moment festhält. Überreden, „abschießen“ und erhaschen von nicht öffentlichen Augenblicken ist für mich Tabu.  Im Zweifelsfall frage ich nach dem Fertigstellen der Fotos nach, ob ich diese veröffentlichen darf. Die Belohnung für die Zeit und Offenheit die ich investiert habe, ist der berühmte – nicht fassbare – Blick hinter die Fassade des Menschen.
Fotodialoge: Pola(d)roid – wie ist das Projekt entstanden?



Udo Hartmann: Es gibt Veränderungen im Leben. Bei mir war das die Insolvenz meines damaligen Arbeitgebers mitten in der Finanzkrise des Jahres 2009. Es ist mir gelungen eine passende, anspruchsvolle Anstellung zu finden, jedoch weit entfernt von München und meiner Familie.  Das wöchentliche Pendeln ist nun Bestandteil meines Lebens. Diese neue Lebenssituation schärft die Sinne ungemein. Andere schreiben das Erlebte auf – ich griff vermehrt zur Kamera und fotografierte flüchtige Momentaufnahmen, von Dingen und Situation, die mich angesprochen und berührt haben. Mir war von Anfang an klar, dass diese Fotos eine passende Darstellungsform benötigen, die ihnen gerecht wird. Hier bot sich das Poladroid-Tool  für mich an. Es versieht meine flüchtigen Momentaufnahmen mit einem kräftigen Hauch von technischer Unvollkommenheit und transformiert sie so auf eine andere Ebene. Plötzlich fragen auch harte Foto-Technik-Fetischisten nicht nach „Kamera, Objektiv oder Workflow“, sondern sie beschäftigen sich mit dem Inhalt.

Fotodialoge: Modelle müssen bei Dir nicht den „Normmaßen“ entsprechen; sie dürfen authentisch sein.

Udo Hartmann: Bei Portraits ist es für mich sogar eine Voraussetzung, dass die Personen authentisch sind. Das menschliche Spektrum ist groß; das momentane Schönheitsideal ist für mich fotografisch wenig reizvoll. Ein Verfolgen von persönlichen -  intrinsisch motivierten - Projekten von Seiten des Models als auch des Fotografen lässt beiden Beteiligten viel mehr Freiraum, auch in den Ausdrucksformen.  Das stereotype Kopieren von Mainstream interessiert mich nicht. Bei der Bearbeitung setze ich auf eine „sachte“ Retusche. Alles was nur momentan ist, kann bearbeitet werden. Hierzu zählen Hautunreinheiten oder die Augenringe, weil vielleicht der Nachwuchs die Nacht vor dem Shooting „kurzweilig“ gestaltet hat. Im Gegenzug bleiben Bildpartien, die die Persönlichkeit beschreiben, unverändert. Natürlich werden die jeweiligen Vorzüge ins rechte Licht gerückt. Kurz zusammengefasst, bei mir sind Modelle herzlich willkommen, die Freude daran haben vor der Kamera zu stehen und sich mit einbringen.


Fotodialoge: Die Projekte „Mia“ und „Schlemmbach“ erzählen eigene Geschichten.

Udo Hartmann: Es gibt hier für mich zwei klassische Ansätze. Entweder war am Anfang die Idee oder man trifft jemand, mit dem Ideen in der Interaktion entwickelt werden. Typischerweise habe ich einen ganzen Berg von Ideen in meinem Kopf bzw. meinem Notizbuch und suche die Zeit und das Modell, um diese umzusetzen. Bei den oben genannten Projekten kam hinzu, dass ich die Modelle gut kenne und beide vor eigenen Ideen sprühten. Dies, gepaart mit der Eigenschaft, dass sie gerne in Rollen schlüpfen, die jenseits des Beauty-Gedankens liegen, sichert das halbe Projektergebnis. Interessante Locations notiere ich mir direkt wenn ich diese entdecke, somit dass diese Orte jederzeit abrufbar sind.


Bei Mia stand der Spaß im Vordergrund. „Lass uns Bilder machen, die fetzen!“. Sprich Ideen sammeln, absprechen,  die Location ausfindig machen, und neben dem Equipment die Accessoires einpacken und los geht’s. Man braucht nicht immer einen großen Geldbeutel, die Fantasie ist wichtiger. Eine Reiseschreibmaschine findet man eher bei „älteren Semestern“, die durchgeknallte Perücke gibt es für 2,99 Euro beim Discounter.


Eine der lustigsten Elemente bei dem Shooting mit Mia war der Kontakt mit einem Passanten. Man versetze sich in die Situation: Mia kniet in Business-Klamotten im Mooswald und schneidet mit mindestens 100% Hingabe das Gras des Waldbodens. Ich liege bäuchlings mit einem kräftigen Weitwinkel im Moos und fotografiere. Mit einer kleinen Softbox + Blitz werden die Schlagschatten aufgehellt. Der Passant tritt vorsichtig heran.

Passant: „Entschuldigen sie, ich habe den Blitz gesehen, was machen sie da?“
Udo: „Fotos“ – genussvolle Wartepause, um den Gesichtsausdruck zu mustern – „lustige Fotos!“
Passant: „Ähh ja“
Mia: Sie dreht ihm den Kopf zu und klapper mit der Schere „Fotos vom Grasschneiden“
Passant: „Ähhh jaaa?“ oder so ähnlich
Mia: Zeigt dem Passanten zusätzlich einen Meterstab, den sie in der anderen Hand hat, und sagt „genau 14cm lang“
Passant: „Ääääähhhhh ja, wünsche noch einen schönen Tag“ und verschwindet sehr schnell im Wald.


Man sieht, relaxter Umgang mit „Störgrößen“ ist beim Fotografieren im öffentlichen Raum sehr hilfreich.
Bei der Serie Schlemmbach blieben die Beobachter ebenfalls nicht aus. Zwei Damen benötigten mindestens 5 Minuten um 2 Paar Nordic-Walking-Stöcke im Kofferraum ihres Autos zu verstauen. Ein andere Mann, der auf den Parkplatz fuhr fragte völlig relaxt: „ Servus, kann ich mein Auto da stehen lassen oder stört es euch?“



Zurück zum Vorgehen. Bei Schlemmbach war eine wesentlich detaillierte Planung nötig, da die kleine Mordgeschickte mit dem vorgespielten platten Reifen, dem Mord und anschließendem „Vertrag und den Nagel reißen“ wesentlich anspruchsvoller war.  Gute Vorbereitung und das richtige zeitliche Timing  sind unabdingbar: einen Sonnenuntergang gibt es nur einmal am Tag. Nur weil bis zu 3 Blitzgeräte zum Einsatz kamen, muss man keine 3 besitzen:  Ein intakter Freundeskreis ist hier überaus hilfreich: Anfragen, ausleihen und mit einem kleinen Dankeschön zurückgeben. Als „Mordopfer“ bin ich selbst eingesprungen; die Aufnahmen entstanden via Selbstauslöser. Keine Angst, in dem Sack auf den Fotos befindet sich nicht mein Leichnam, er ist lediglich mit Luftballons gefüllt.  Der Name „Schlemmbach“ ist übrigens meiner Fantasie entsprungen.


Fotodialoge: Welche fotografischen Pläne hast Du in nächster Zeit?

Udo Hartmann: In 2011 werde ich auf jeden Fall die Pola(d)roid Serie fortsetzen und wohl finalisieren. Folgeprojekte sind gerade in der Entwurfsphase. Es wird auf jeden Fall weiterhin Portraits geben, und wer sich angesprochen fühlt, und den Mut hat vor die Kamera zu treten – ob als Individuum oder in einer Rolle - darf sich gerne bei mir melden.

Fotodialoge: Auch ja, meine obligatorische Frage nach dem Lieblingszitat?

Udo Hartmann: „ Die Grenzen deiner Phantasie sind die Grenzen deiner Welt“




Weitere Fotografien und die Kontaktdaten finden Sie auf der Website von Udo Hartmann: www.udohartmann-foto.de